Kein Kitaplatz

- UND JETZT?


Armutsfalle Kind, Vergrößerung des Gender Gaps - wie politisches Verschulden qualifizierte

Fachkräfte vom Arbeitsmarkt zieht und Frauen in alte Rollen zurück drängt.

Wer in den letzten Jahren ein Kind bekommen hat, kennt die Verzweiflung, die sich einstellt, wenn man versucht, seinen seit 1. August 2013 geltenden gesetzlichen Anspruch auf einen Kitaplatz wahrzunehmen. (Für ein Kind ab 12 Monaten - Paragraph 24, Absatz 2 des SGB VIII)

 

Kurz und knapp gesagt: es ist der Horror. Die Kitas sind voll, schon Jahre im Voraus. Können oft selbst den Bedarf für Geschwister ihrer Kitakinder nicht decken. Gleichzeitig werden sie von Anfragen geflutet, Eltern laufen Sturm, suchen händeringend nach einem Platz für ihr Kind.

Die Kitaplatzsuche verläuft meist komplett analog, mit zum Teil noch handschriftlich geführten Listen.

Der organisatorische Aufwand für Eltern und Kitas ist enorm. 

Wir selbst haben inzwischen 117 Kitas kontaktiert. Die Rate der Rückmeldungen beläuft sich auf ungefähr 20%. Viele Kitas haben ihre Wartelisten bereits bis 2020 geschlossen.

Dabei dachten wir, wir seien früh dran. Bereits 1,5 Jahre, bevor wir den Platz überhaupt brauchten, begaben wir uns auf die Suche. Vergeblich. Für uns ist das inzwischen so eine Art Halbtagsjob geworden, der frustrierender nicht sein könnte. Wir ließen uns schon auf Listen setzen, als ich im 4. Monat schwanger war, unsere Tochter also gerade so überlebensfähig und die Freude Eltern zu werden allmählich die Ängste vor dem Verlust des Kindes überwog. 

doch wie auch tausende anderer Familien sind wir leer ausgegangen, haben von vielen Kitas nicht mal auf schriftliche Nachfrage eine Rückmeldung bekommen. Keine Benachrichtigung bedeutet Absage, heißt es. Sie haben bei der Masse an Bewerbungen keine Kapazitäten, jeden zu kontaktieren - und wollen sich die Gespräche mit verzweifelten Eltern wahrscheinlich auch einfach ersparen. Verständlich.

Der Versuch, den gesetzlichen Anspruch durchzusetzen scheiterte in Berlin bisher. Denn gibt es keine Kitaplätze, so kann man sie auch nicht einklagen. Anspruch auf Schadensersatz für Verdienstausfälle oder Bezahlung der privaten Betreuung hat man nur, sofern der Bezirk nicht nachweisen kann, dass die fehlenden Kitaplätze auf den Fachkräftemangel zurückzuführen sind - und das ist fast immer der Fall.

Die Argumentation, das sie damit die Engpässe nicht zu verschulden haben, hinkt jedoch. Denn der Mangel an Erziehern ist ganz klar ein politisches Versäumnis der letzten Jahre, den Eltern nun ausbaden müssen.

 

Kein Kitaplatz - Was bleibt uns Eltern?

 

Sind Frustration, Verzweiflung und Wut abgeklungen, ist man akribisch auf der Suche nach Alternativen - und findet keine. Tagesmütter, Kinderläden, Elterninitiativkitas - alle quellen über. Auf Ebay wird deutlich, welche Ausmaße die Verzweiflung bereits angenommen hat. Kitaplatz gegen Geld - Eltern sind bereit hohe Belohnungen bzw. "Spenden" für eine Betreuung zu zahlen.

Die Frage, mit welcher Form der Unterbringung und in welcher Einrichtung sich Eltern und Kind wohl fühlen, wie der Personalschlüssel aussieht, oder nach welchem Konzept die Betreuung ausgerichtet ist, wird schon längst nicht mehr gestellt. Das Prinzip "friss oder stirb" hat sich eingestellt, Ansprüche und Wünsche bitte draußen lassen. Kaum auszumalen, sollte das Kind auch noch Beeinträchtigungen wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder anderweitigen

"Mehraufwand" vorweisen. Dann kann man sich direkt die Karten legen. 

 

Spitz formuliert: mit etwas Glück verfügt man über ausreichend Vitamin B oder besitzt noch altes Handwerkszeug, um sich - wie zu DDR-Zeiten - einen Kitaplatz "unterm Ladentisch" zu sichern. Aber wie viele Eltern haben das schon?

Wer regelmäßiges Vorsprechen mit Keksen und Kuchen, Vorbeibringen von Blumen und Geschenken und Anpreisen des eigenen Kindes aus guten Gründen ablehnt, ist nahezu chancenlos. Werbung in eigener Sache ist gefragt, von Transparenz im Bewerbungsverfahren keine Spur. "Ich habe Ihren Namen auf der Warteliste entdeckt und fand ihn so schön, da habe ich Sie gleich mal angerufen." hieß es. Eltern sind völliger Willkür seitens der Kitas ausgesetzt und werden von den Behörden allein gelassen. In der Kitagutscheinstelle ist natürlich niemand zuständig. Beim Fachdienst für Kinderbetreuung werden aber gleich gar keine Termine angeboten. Im Onlineformular darf man sich eintragen - ob das was bringt? Wer weiß das schon. 

Bei der Beratung passiert auch nicht mehr, als dass wiederholt gesagt wird, dass die Lage für Erstgeborene und ganz besonders für Kinder der Jahrgänge 17/18 schlecht aussieht, dass es eng wird und einfach nicht genug Plätze gibt. "Die Chancen stehen schlecht.", so Frau T. Die ganz große Hilfe also. 

Wenn man die Möglichkeit hat, sein Kind privat zu betreuen, sollte man das tun, wurde mir von der Fachsteuerung der Kindertagesbetreuung im Jugendamt Pankow geraten. Die Kitas seien heillos überfordert, die Betreuungssituation dort in vielen Fällen nicht besonders gut. 

Kurz gesagt: Kapitulation wird verlangt. 

Die Mitarbeiterin wirkte resigniert. Wer bis hierhin noch Hoffnung hatte, konnte sicher sein, dass ihm spätestens jetzt die Illusion genommen wurde, Kind und Karriere seien in Deutschland aktuell irgendwie zu vereinbaren. 

Kind und Karriere? 

 

Ich muss fast schon lachen, wenn ich "Kind und Karriere" schreibe. Für betroffene Eltern der aktuellen Kitakrise ist das purer Hohn. Denn um Karriere geht es schon längst nicht mehr. Auch nicht darum, welche Möglichkeiten dem Kind genommen werden, wenn es keine Chance hat, sich in einer sozialen Gruppe Gleichaltriger weiter zu entwickeln. Es stellt sich vielmehr die Frage, mit welchem Modell man es als Familie schafft, sich über Wasser zu halten und gleichzeitig sein Kind angemessen zu betreuen. 

Die Lösungen hier sind ganz individuell. Sie reichen vom gleichberechtigten 20/20-Prinzip, über private Bezahlung einer Fremdbetreuung, familiäre Unterstützung bis hin zur gänzlich unentgeltlichen Kinderbetreuung durch eines der Elternteile. Meistens sind es die Mütter, die zu Hause bleiben und berufliche Nullrunden in Kauf nehmen. Im besten Fall sorgt das Paar hier für finanzielle Gerechtigkeit, indem der verdienende Partner dem jeweils anderen den Verdienstausfall ausgleicht und Rentenanteile gleichermaßen abgibt. Aber mal ehrlich, liebe Eltern, bei wie vielen passiert das genau so? 

 

Damit kommen wir auch schon zu den weitreichenden Konsequenzen dieses politischen Versäumnisses. 

Zum einen werden vor allem gering verdienende Familien in akute, finanzielle Krisen gestürzt. Alleinerziehenden, die keinen Kitaplatz bekommen, bleibt nur eine Verlängerung der Elternzeit oder Hartz IV (je nachdem, was sich eher "lohnt") - sofern es keine Familienangehörigen gibt, die mit anpacken können. Kinderkriegen als Armutsfalle - at it's best.

Die Altersarmut von Frauen wird zunehmen. Denn sie sind es in den meisten Fällen, die dieses politische Verschulden ausgleichen müssen, die hochqualifiziert mit ihrem Nachwuchs zu Hause sitzen und zusehen, wie Kinderlose karrieretechnisch davon ziehen. Mit Mutterschutz (und ggf. schon vorangegangenem Beschäftigungsverbot), Elternzeit und anschließenden X Jahren Kinderbetreuung klafft ein großes Loch in ihrer beruflichen Laufbahn. Ein Loch in Bezug auf Erfahrungen und Qualifikationen, ein finanzielles Loch und ein Rentenloch. 

Und wer wird das ausbaden? 

Wir natürlich, die Mütter. 

Man muss sich ganz klar Fragen, welche Rolle Kinder und Familie aktuell in unserer Gesellschaft spielen. Welche Wertschätzung wird uns entgegen gebracht? Welche Chancen haben wir gegenüber Kinderlosen?

Ich zweifle an dieser Stelle die Umsetzung von Absatz 2 des Artikels 3 im Grundgesetzbuch an, der da lautet:

 

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern

und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

 

6 Monate bleiben uns noch, bis wir eine Betreuung gefunden haben müssen. Dann ist nämlich auch die Elternzeit des Papas zu Ende. Wir wissen noch nicht, ob wir die finanziellen und psychischen Anstrengungen aufbringen können, Schadensersatz einzuklagen, falls wir leer ausgehen.

Richtig wäre es, denn wir Eltern müssen den Druck erhöhen, damit sich endlich etwas ändert. 

 

Ich bitte euch Leser - egal ob ihr Kinder habt, oder nicht - euch zu engagieren. Es gibt Probleme, die nur gesamtgesellschaftlich gelöst werden können.

Indem man sich einsetzt, auch wenn es einen selbst vermeintlich nicht betrifft.

Erhebt eure Stimme für uns!

Eine gute Möglichkeit bietet sich am 26. Mai!

Ab 10 Uhr beginnt die Demo "Kitakrise Berlin" am Dorothea-Schlegel-Platz (S und U-Bahnhof Friedrichstraße), Berlin Mitte
Um 11 Uhr gibt es am Brandenburger Tor eine Kundgebung.

 

Wofür gehen wir auf die Straße?

  • Bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen für Erzieher*innen
  • Bessere Betreuungsschlüssel
  • Mehr Räumlichkeiten für Kitas durch Investitionen in sozialen Wohnungsbau
  • Ein zentrales Kitaplatzsuchsystem, um Eltern und Kitas zu entlasten

   Link zur Facebookseite der Demo "Kitakrise Berlin"

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